EuGH-Urteil eröffnet Rückerstattungsansprüche für Einsätze bei verbotenen Online-Glücksspielen
Rafael Simmons · Jun 12, 2026

EuGH-Urteil eröffnet Rückerstattungsansprüche für Einsätze bei verbotenen Online-Glücksspielen

Hintergründe zum Verfahren und zur Entscheidung
Der Europäische Gerichtshof hat in der Rechtssache C-440/23 klargestellt, dass Online-Spieler in Deutschland unter bestimmten Bedingungen verlorene Einsätze zurückfordern können, wenn die betreffenden Glücksspielangebote zum Zeitpunkt der Teilnahme nach nationalem Recht verboten waren, und zwar unabhängig davon, ob die gesetzlichen Rahmenbedingungen später angepasst wurden. Das Urteil bestätigt zugleich, dass EU-Recht nationale Beschränkungen für Online-Casino-Spiele, Automatenspiele und bestimmte Wettformen nicht ausschließt, sofern diese Regelungen darauf abzielen, die Aktivitäten in überwachte Märkte zu lenken und illegale Anbieter einzudämmen.
Rechtliche Grundlagen im deutschen Glücksspielmarkt
Die Entscheidung steht im Zusammenhang mit den rechtlichen Herausforderungen, die aus dem deutschen Glücksspielrahmen vor 2021 und dem Inkrafttreten des Glücksspielstaatsvertrags 2021 resultieren. Vor diesem Vertrag galten in den meisten Bundesländern strenge Verbote für Online-Casino-Spiele und Slots, während Sportwetten und Lotterien teilweise reguliert waren. Spielverträge, die unter diesen Bedingungen geschlossen wurden, können nach nationalem Zivilrecht als nichtig gelten, was zivilrechtliche Ansprüche auf Rückerstattung ermöglicht. Der Gerichtshof stellte fest, dass solche nationalen Regelungen mit EU-Recht vereinbar sind, solange sie verhältnismäßig und nicht diskriminierend ausgestaltet sind.
Beobachter verweisen darauf, dass die aktuelle Regelung im GlüStV 2021 einen einheitlichen Rahmen für die Lizenzvergabe schafft und damit die Voraussetzungen für eine kontrollierte Marktentwicklung festlegt. Gleichzeitig bleiben zivilrechtliche Ansprüche aus früheren, unrechtmäßigen Verträgen bestehen, was zu einer Vielzahl anhängiger Verfahren bei deutschen Gerichten führen kann.
Auswirkungen auf Spieler und Anbieter
Spieler, die zwischen 2015 und 2021 auf nicht lizenzierten Plattformen Einsätze getätigt haben, können nun unter Berufung auf das EuGH-Urteil Schadensersatz- oder Rückerstattungsklagen einreichen. Die Entscheidung betont, dass die Nichtigkeit von Spielverträgen nach nationalem Recht nicht durch nachträgliche Legalisierungen aufgehoben wird. Anbieter sehen sich dadurch mit potenziellen Rückforderungen konfrontiert, die sich auf Einsatzsummen aus einem Zeitraum von mehreren Jahren beziehen können.

Die Pressemitteilung des Gerichtshofs Judgment of the Court in Case C-440/23 erläutert, dass EU-Mitgliedstaaten weiterhin Spielsuchtprävention und Verbraucherschutz als legitime Ziele verfolgen dürfen. Gleichzeitig wird klargestellt, dass zivilrechtliche Ansprüche auf Rückzahlung nicht automatisch ausgeschlossen sind, wenn die ursprüngliche Tätigkeit illegal war.
Praktische Umsetzung und laufende Verfahren
Deutsche Gerichte müssen nun Einzelfälle anhand der EuGH-Vorgaben prüfen. Dabei spielt die Frage eine Rolle, ob der jeweilige Anbieter über eine gültige Lizenz verfügte oder ob das Angebot unter die damaligen Verbote fiel. Verfahren, die bereits vor dem Urteil anhängig waren, erhalten durch die Entscheidung zusätzliche rechtliche Klarheit. Experten gehen davon aus, dass die Anzahl der Klagen in den kommenden Monaten zunehmen wird, insbesondere bei Spielern, die auf Plattformen mit Sitz außerhalb Deutschlands gespielt haben.
Die Regulierungsbehörden der Länder beobachten die Entwicklung und prüfen, ob weitere Anpassungen des GlüStV 2021 erforderlich sind, um Rechtsunsicherheiten abzubauen. Gleichzeitig bleibt das Ziel bestehen, illegale Angebote konsequent zu bekämpfen und den legalen Markt zu stärken.
Zusammenfassung der zentralen Aussagen
Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs in der Rechtssache C-440/23 schafft eine klare Trennung zwischen der Zulässigkeit nationaler Glücksspielbeschränkungen und den zivilrechtlichen Folgen unrechtmäßiger Angebote. Während die Mitgliedstaaten weiterhin das Recht haben, Online-Glücksspiele zu regulieren und in überwachte Kanäle zu lenken, können Spieler unter bestimmten Voraussetzungen Einsätze zurückfordern, die auf verbotenen Plattformen verloren wurden. Die Entscheidung gilt für den Zeitraum vor Inkrafttreten des GlüStV 2021 und bleibt auch nach Juni 2026 relevant, da anhängige Verfahren fortgesetzt werden.
Die Entwicklung zeigt, wie nationale und europäische Rechtsnormen ineinandergreifen und wie zivilrechtliche Ansprüche als Instrument zur Durchsetzung von Verbraucherschutzstandards dienen können. Gerichte und Behörden werden die Auswirkungen in den nächsten Monaten weiter konkretisieren.